River Ganga Foundation

Selbst-Erforschung ist nicht spirituell

Aus einem Satsang mit John Sherman
Ojai, Kalifornien, 4. Oktober 2006

Der Grund, warum ich hier bin, ist euch die Praxis von Selbst-Erforschung, die uns von Ramana Maharshi angeboten wurde, nahezulegen und sie mit euch zu diskutieren. Ich bin keine sehr spirituelle Person. Ich sehe in der Praxis der Selbst-Erforschung nichts, das grundlegend spirituell ist. Tatsache ist, das meine Erfahrung und meine klare Wahrnehmung, der Idee, das da etwas speziell spirituell ist, eine Täuschung ist, und es nicht nötig ist ihr mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Ich bin nicht hier um Euch Erwachen zu ermöglichen, weil, so weit ich es sehen kann, ihr bereits wach seid, und das war immer schon so. Also, ich bin nicht hier um euch Erleuchtung oder Erwachen zu ermöglichen. Ich bin nicht hier, um euch etwas zu ermöglichen, was bereits hier ist. Ich bin hier um euch die praktische und bodenständige Praxis von Selbst-Erforschung anzubieten, so wie sie von Ramana Maharshi gekommen ist.

Ramana hatte von Selbst-Erforschung mit einem gewissen Wortschatz gesprochen, indem er gewisse altüberlieferte Konzepte benutzte, die ihm zur Verfügung standen. Wenn ich von Selbst-Erforschung spreche, höre ich mich keineswegs wie Ramana Maharshi an, so wie Ramana sich nicht wie Buddha angehört hatte. Die Worte, mit denen Ramana versuchte uns Selbst-Erforschung nahezulegen, sind wirklich unwichtig. Die Essenz von ihnen ist absolut praktisch, einfach, und hat nichts was auch immer mit einer spirituellen Überlieferung zu tun. Es hat mit euch zu tun, und sonst nichts weiter. Es hat mit der Realität zu tun, die ihr seid. Und um das zu wissen, was ihr seid, benötigt man kein spirituelles, psychologisches oder philosophisches Verständnis.

Die Erkenntnis von dem, was ihr seid, ist das direkte Erkennen der Aktualität von dem, was ihr seid, ohne Vermittlung, ohne die Beeinflussung des Verstandes, was immer für alle abrufbar ist. Die Erkenntnis der Realität des Seins, die immer mit euch ist, ist der Untergrund von allem, was ihr kennt. Es verändert und bewegt sich nie. Es ist unberührt von allem, und es ist beständig. Da gibt es Zustände, die darin kommen und gehen — Zustände von Unzufriedenheit, Misere, Unglücklichsein, Befriedigung, Vergnügen, Seligkeit, Klarheit und Frieden. Die Zustände haben eine Sache gemeinsam: sie sind unbeständig. Sie bleiben nicht. Sie sind nicht hier, dann sind sie hier und dann sind sie wieder nicht hier.

Bei der Untersuchung der Frage: „Was bin ich wirklich?“, suchen wir danach, was beständig ist, was nicht kommt und geht. Wir suchen danach, was jetzt hier ist, und auch morgen hier sein wird. So, wovon wir reden, wenn wir von Selbst-Erforschung sprechen, hat nichts mit Zuständen zu tun, noch hat es irgendetwas mit Gedanken zu tun, die innerhalb unseres Geistes (mind) kommen und gehen. Gedanken sind unbeständig. Keiner weiß von woher sie kommen. Wir können den Glauben beherbergen, das wir der Denker unserer Gedanken sind, aber bei einer oberflächlichen Untersuchung der Dinge, wird es sich uns enthüllen, dass der Glaube unzutreffend ist.

Wenn wir auf die Gedanken schauen, so wie sie erscheinen und wieder verschwinden, werden wir sehen, dass Gedanken nur erscheinen. Wer weiß woher sie kommen? Wer weiß wohin sie gehen? Wenn wir von Selbst-Erforschung sprechen, sprechen wir nicht von unseren Gedanken oder dem Ursprung und der Qualität der Gedanken, ob sie gut oder schlecht, intelligent oder dumm sind. Wir sprechen weder von Körperempfindungen wie Erregung, Schmerz, Dumpfheit, Juckreiz, körperliche Sehnsüchte, usw. Diese Dinge, wie Gedanken und alle möglichen Zustände, die kommen und gehen. Sie erscheinen und verschwinden wieder, und wie Gedanken und Zustände, präsentieren sie uns Gelegenheiten um zu versuchen sie festzuhalten und als gut oder schlecht, brauchbar oder unbrauchbar, beängstigt oder nicht beängstigt, zu verurteilen, oder Dinge, die wir haben, versuchen loszuwerden. Körperempfindungen, wie Gedanken oder alle möglichen Zustände, kommen und gehen. Sie erscheinen und verschwinden in uns. Und egal welche Körperempfindungen, Gedanken oder Zustände durch uns kommen und uns zu etwas verlassen, was bleibt ist die unbewegte, unveränderliche Realität, welche die Gewissheit eures Seins ist, die ihr seid. Das verändert sich nie; sie ist unbeeindruckt von Gedanken, Gefühlen oder Körperempfindungen.

Wir sind nicht hier um von Gefühlen zu sprechen. Gefühle sind das Gleiche wie alles andere. Sie sind hier, und dann sind sie verschwunden. Das Gleiche gilt für Neurosen, wirkungslose Gedankenmuster oder schlechte Gewohnheiten. Wir sind nicht hier um uns mit diesen Dingen zu beschäftigen. Diese Dinge sind wie sie sind. Gott weiß, woher sie kommen, Gott weiß wohin sie gehen. Aber sie sind unbeständig, und sie nützen uns nichts bei der Untersuchung. In allen unseren Leben haben wir nie einen Weg gefunden, um diese Dinge (Gedanken, Empfindungen, Emotionen, Zustände, Neurosen, gute oder schlechte Gewohnheiten) kommen zu lassen, wenn wir sie wollten, bleiben zu lassen, wenn wir wollten, oder gehen zu lassen, wenn wir sie gehen lassen wollten. Wenn wir aufmerksam sind und die Wahrheit sagen, sehen wir, dass wir absolut keine Macht über irgendwelche Dinge, die in uns kommen und gehen, haben.

Selbst-Erforschung kümmert sich nicht um irgendetwas, was damit zu tun hat, was innerhalb des Geistes (mind) kommt und geht. Keine von diesen Dingen können uns helfen uns zu finden, noch können sie uns davon abhalten uns zu finden. In alten Zeiten, damit meine ich zur Zeit von Shankara, ungefähr vor 500 Jahren, zur Zeit, als die Upanishads geschrieben wurden, gab es eine Praxis, die Selbst-Erforschung (atma vichara) genannt wurde, die darin bestand, das wahre Selbst versuchen aufzudecken. Diese Praxis beabsichtigte die Neurosen, schlechte Gedanken und Gewohnheiten auszulöschen, die das wahre Selbst zu verdecken schienen, und es schloß Meditation mit ein, und gewisse physische Dinge, mit denen man den Nebel auslöschen wollte, damit das wahre Selbst durchscheinen konnte.

Die Selbst-Erforschung von Ramana Maharshi ist nichts dergleichen. Es hat nichts damit zu tun, das wahre Selbst aufzudecken, oder die Wolken zu trennen, damit der Glanz des wahres Selbst durchscheinen kann. Nichts steht dem Licht der Realität im Wege. Nichts verdeckt, nichts verdunkelt oder hält es vom Sehen ab. Die Wahrheit ist, das wir jeder Zeit sehen. Es gibt nichts anderes als das Licht der Realität zu sehen. Alle Dinge existieren, weil sie innerhalb des Lichtes sind, und dieses Licht seid ihr. Dieses Licht, das ihr seid, hat sich nie bewegt. Es wurde nie gedämpft, es wurde nie verdunkelt; es war nie unerreichbar für euch, nicht für eine Sekunde in eurem Leben. Niemals.

 

© 2006 John Sherman. Alle Rechte vorbehalten.

Übertragen ins Deutsche von Birgit Marion.

 

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